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Hamburg, Carl von Ossietzky

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Die Anfänge der Pressemetropole Hamburg

Ausstellung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky und des Instituts für Deutsche Presseforschung der Universität Bremen mit freundlicher Unterstützung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

28. März-10. Mai 2003
Katalogsaal
Eröffnung am 27. März 2003, 18 Uhr, Gäste sind willkommen

Sinnbild für Modernität und Tempo der Großstadt ist die Rotationsdruckmaschine, die in rasender Geschwindigkeit die mit den neuesten Nachrichten gefüllten Zeitungen ausspuckt. Bis heute ist uns wenig so vertraut wie das am morgendlichen Kaffeetisch entfaltete Blatt, das den Zugang zum nahen und fernen Geschehen eröffnet. Hier findet der Leser die Informationen, die ihm Orientierung bieten und Urteile über die politischen Angelegenheiten ermöglichen.

Die Entstehung der Zeitung zu Beginn des 17. Jahrhunderts kommt einer Revolution auf dem Felde öffentlicher Kommunikation gleich. Bereits nach kurzer Zeit erscheinen die neuen Nachrichtenblätter flächendeckend in allen deutschen Ländern. Zur Zeitungsmetropole entwickelt sich die Handels- und Kaufmannsstadt Hamburg. Mit gutem Recht behauptete ein Zeitgenosse: "Hamburg ist ein Ort, auf welchem der Segen liegt, dass es daselbst bis an das Ende der Welt niemals an Monatsschriften und Wochenblättern fehlen soll." Hier fand sich das Publikum, das für seine Tätigkeit auf Nachrichten über politische Entwicklungen und kriegerische Gefährdungen angewiesen war. Im wichtigsten nördlichen Nachrichtenzentrum des Reiches fanden zeitweise fünf Zeitungen gleichzeitig ihre Leser. Hinzu kamen Blätter aus Wandsbek und Altona, dem dänischen Gegenpol zum mächtigen Hamburg. Sie waren beliebt, konnten doch die Redakteure unbehelligt von der Hamburger Zensur ein freieres Wort über städtische Angelegenheiten wagen. Der "Hamburgische unpartheyische Correspondent" entwickelte sich zu einer in ganz Europa geschätzten Informationsquelle. Er beschäftigte die ersten Journalisten, die allein von ihrer Arbeit für eine Zeitung leben konnten. Die Auflage schnellte bis 1801 auf 51.000 Exemplare, 4.000 davon waren für die abgehenden Schiffe bestimmt. Da jedes Zeitungsstück sehr viel mehr Leser hatte als heute, kann hier erstmals von einer Massenpresse die Rede sein. Viele deutsche Journalisten schrieben beim "Correspondenten" ab.

Die frühen Zeitungen faszinierten die Zeitgenossen. Erstmals griff man regelmäßig zu einem weltlichen, in der Muttersprache abgefassten Lesestoff. Wer nicht lesen konnte, dem wurde vorgelesen; Zeitungsmeldungen gaben den Stoff für Tagesgespräche. Wie in den frühen 1960iger Jahren in den Wohnzimmern der Bundesbürger das Samstagabendprogramm des Fernsehens zum Ereignis wurde, das man mit Nachbarn und Freunden genoss, so fanden sich im 18. Jahrhundert Zeitungsenthusiasten in Wirts- und Kaffehäusern, in Spinnstuben, in Lesegesellschaften und Lesezimmern zusammen. Wer es sich leisten konnte, bezog ein Exemplar zum alleinigen Gebrauch.

Das vollständig Neuartige der Zeitungen bestand in nichts anderem als in der regelmäßigen Information über Angelegenheiten, zu denen ein Publikum außerhalb der Machtzentren zuvor keinen Zugang hatte. Das neue Medium veränderte unaufhaltsam die Wahrnehmung des Lesers und seine mentale Einstellung zur Sphäre der Herrschaft. Wenn die Politik und ihre Akteure nicht mehr im höheren Glanz des Ungewöhnlichen, sondern als durchaus irdisch erscheinen, werden sie auch für die Untertanen zu diskussionsbedürftigen Objekten. Das aber ist eine fundamentale Voraussetzung für Aufklärung und politische Moderne. Im Schoße vorbürgerlicher Ordnungen entwickelt sich also, was wir als eine Grundlage moderner demokratischer Staaten betrachten: das Zeitungswesen als öffentliches System umfassender politischer Information.

Die Qualität der Zeitungen beurteilte die Öffentlichkeit allein danach, wie schnell, vollständig, sachkundig und gewissenhaft sie die politischen und militärischen Meldungen lieferten. Der Journalist begriff sich als Chronist, das Urteil war dem Leser überlassen.

Dass aus Information Aufklärung erwuchs, zeigen die seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts entstehenden Zeitschriften, in denen interessierte Bürger über Missstände und Reformen debattierten. In Hamburg und Altona - hier erschienen im 17. und 18. Jahrhundert insgesamt 1.250 periodische Schriften - ist besonders eindringlich zu beobachten, wie sich mittels der Presse der Prozess einer regelrechten Welteroberung durch ein neues bürgerliches Publikum vollzieht, das sich die Wissenschaften ebenso zu eigen macht wie das Recht zu eigenständigen Urteilen in moralisch-ethischen und gesellschaftlichen Fragen.

In Hamburg und Altona entstand in der zweiten Hälfte des aufgeklärten Säkulums eine Presse, in der - nahezu wie in einem Parlament - alle für das Gemeinwesen wichtigen Themen erörtert und Veränderungsvorschläge unterbreitet wurden. Engstens damit verbunden bildeten sich gemeinnützige und aufklärerische Gesellschaften. Nach der Französischen Revolution bot Altona zahlreichen revolutionsfreundlichen Journalen eine Heimstatt. Zum Ansehen der Hamburger Blätter trug die Mitarbeit von Dichtern wie Matthias Claudius, Friedrich Gottlieb Klopstock oder Gotthold Ephraim Lessing bei. So früh wie sonst nirgends begann die Zeitungslektüre in der Hansestadt allgemein zu werden. Am frühen Morgen sah man Arbeitsleute und Hausknechte reihenweise an den Zeitungsbuden stehen und aufmerksam die für ihre Herren geholten Zeitungen lesen und diskutieren. Mit dem "Wandsbecker Mercurius" erschien bereits Mitte des 18. Jahrhunderts eine Zeitung für den "gemeinen Mann". Typisch ist, wie hier 1746 französische Kriegsaussichten kommentiert werden: "Dat Dink geith scheef, Muschü Franzmann". Spöttisch-satirische Meldungen "Aus Capadocien" greifen hamburgische Lokalereignisse auf. Senat und Geistlichkeit rufen nach Zensur. "Ein erfolgreiches Unternehmen", rechtfertigt Milatz seinen plaudernd-saloppen Ton, sei nur durch eine Zeitung "von etwas neuer Mode" möglich. Ein solches Blatt dürfe nicht nach "dem Geschmack der Gelehrten und Erfahrenen" geschrieben sein, sondern müsse dem Fassungsvermögen "der Einfältigen und geringen Leuthe" genügen, "welche letztere den größten Hauffen in der Welt" ausmachten.

Das Bemühen um neue Leser hat - neben durchaus vorhandenen aufklärerischen Motiven - einen einfachen Grund: Das Zeitungsschreiben ist zu einem einträglichen Geschäft geworden. Aus dem Jahre 1721 sind die jährlichen Produktionskosten einer Zeitung mit einer Auflage von 1.650 Exemplaren bekannt. Sie betragen 2.352 Mark, denen 6.552 Mark an Einnahmen gegenüberstehen. Die "Staats- und gelehrte Zeitung des hamburgischen unpartheyischen Correspondenten" erwirtschaftet um 1800 gar einen Reingewinn von 12.000 Mark. Für ein gutes Haus müssen in Hamburg je nach Lage 1.500 bis 6.000 Mark bezahlt werden.

Über die reiche Pressegeschichte der Hansestadt vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert - Grundlage der heutigen Stellung Hamburgs als Medienstadt - informieren zwei mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Stiftung Pressehaus NRZ publizierte Neuerscheinungen, verfasst von dem Bremer Historiker Holger Böning:

  • Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel. Bremen: edition lumière 2002
  • Periodische Presse. Kommunikation und Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel. Bremen: edition lumière 2002