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Hamburg, Carl von Ossietzky

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Georg Ehrlich: Ein Hamburger Sozialdemokrat hinterlässt seine Spuren.

Montag, den 24. Februar 2014

Gemeinsam mit den Kommunisten gehörten die Sozialdemokraten zu den am schärfsten Verfolgten politischen Organisationen im Nationalsozialismus. Der Fund eines Buches und die Suche nach den Erben ließen uns in die Geschichte des sozialdemokratischen Widerstands gegen das NS-Regime in Hamburg blicken. Es geht um ein Buch von Georg Ehrlich, der als Sozialdemokrat verfolgt wurde.

Georg Ehrlich, am 1. August 1904 in Altona geboren, war bereits mit 19 Jahren in die SPD und Gewerkschaft eingetreten. Er engagierte sich dort in sozialen und politischen Bereichen: z.B. zwischen 1927 und 1933 als Helfer in der Kinderfreunde Bewegung. Von Beruf Buchbinder, versuchte sich zeitlebens Weiterzubilden. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zwang Georg Ehrlich dazu, sich illegal für den Erhalt der SPD einzusetzen. Mit anderen SPD‘lern baute er in Altona eine Gruppe auf, die vor allem durch das Verteilen von Schriften und die Unterstützung von Familien inhaftierter Genossen die Organisationsstruktur der SPD am Leben zu halten suchte. Im November 1934 wurde er mit 60 weiteren Sozialdemokraten verhaftet und kam in das KZ-Fuhlsbüttel. Er wurde schließlich 1935 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt und verbüßte die Strafe im Zuchthaus Rendsburg.

Nach seiner Haftentlassung kehrte er nach Hamburg zurück. Eine Verletzung, die er sich als Erntehelfer während des 1. Weltkrieges zugezogen hatte, bewahrte ihn vor dem Kriegsdienst. Nach Kriegsende beteiligte er sich am demokratischen Wiederaufbau Hamburgs. Er übernahm 1945 den Distriktvorsitz der SPD in Hamburg Ottensen und wurde 1949 in die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Angestellt bei der Sozialbehörde war er für Flüchtlingsunterkünfte in Großborstel und später in Alsterdorf für Vertriebene und durch den Krieg obdachlos gewordener Menschen zuständig. In dieser Position arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 1965 und sorgte durch sein persönliches Engagement dafür, vielen obdachlosen Familien zu helfen und eine neue Bleibe zu finden. Auch politische war er weiter sehr aktiv und seine zahlreichen humorvollen Zwischenrufe während der Plenarsitzungen brachten ihm 1962 die Auszeichnung des „Gartenzwerges“ ein. Georg Ehrlich starb 1994.

Das bei uns gefundene Buch wurde 1940 als „Geschenk“ der Gestapo in den Zugangsbüchern der Stabi eingetragen. Es gehörte zur Georg Ehrlichs privater Bibliothek von über 90 Büchern und wurde bei seiner Verhaftung im November 1934 von der Gestapo beschlagnahmt. Was mit den anderen Büchern geschehen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Dieses Buch kam sechs Jahre nach der Beschlagnahmung als „Geschenk“ der Gestapo in unseren Bestand.

Die Suche nach den Nachkommen gestaltete sich schwierig. Hilfreich waren die Forschungen der Arbeitsstelle für ehemals verfolgte Sozialdemokraten sowie Akten aus dem Staatsarchiv Hamburg. Wir erfuhren zwar, dass Georg Ehrlich drei Kinder hatte aber es benötigte noch die Unterstützung der Bezirksämter Altona, Mitte und Wandsbek, bis wir Ende des vergangenen Jahres die jüngste Tochter kontaktieren konnten. Die Tochter gab und einen tiefen persönlichen Einblick in das Leben ihres Vaters, welches zeitlebens von seinem politischen Engagement geprägt gewesen ist. Bücher und Bildung waren Georg Ehrlich immer sehr wichtig, umso schmerzvoller war seinerzeit der Verlust seiner Bibliothek. Die Kinder von Georg Ehrlich entschieden sich das in Frage stehende Buch der Stabi nun als echtes Geschenk zu übergeben, damit es weiterhin - vermutlich auch im Sinne Ihres Vaters - für die Forschung und Lehre öffentlich nutzbar bleibt.