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Hamburg, Carl von Ossietzky

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Das Ende einer langen Reise

Freitag, den 05. September 2014

Nach mehreren Monaten der Suche und der Kontaktanbahnung konnte nun ein Buch aus dem Besitz von Karl Spier an seine Kinder restituiert werden.

Über 60 Jahre hatte es gedauert, bis die Tochter von Karl Spier ihre Geburtsstadt Erfurt wiedersah. Zu groß waren die Wunden in der Familie, die sie während der Verfolgung im Nationalsozialismus erlitten hatte. Umso mehr freuen wir uns darüber, dass wir in einer vorsichtigen Kontaktaufnahme in den letzten Monaten das Vertrauen der Kinder von Karl Spier gewinnen konnten und nun ein Buch aus dem Besitz der Familie zurückgeben können.

Die Familie Spier lebte zunächst in Köln, die Philologin Dr. Hilde Spier arbeitete dort als Redakteurin für die Zeitung „Mode und Kultur“. 1930, kurz vor der Geburt der ersten Tochter, wurde Karl die Leitung einer Schuhfabrik in Erfurt angeboten, woraufhin die Familie dorthin umzog. Aufgrund der zunehmenden Ausgrenzung und Verfolgung entschloss sich die Familie 1935 Deutschland zu verlassen. Als Ziel ihrer Emigration wählten sie Belgien, wo ein Bruder von Hilde Spier lebte. Die trügerische Sicherheit vor der Verfolgung endete in Brüssel im Mai 1940, als Deutschland das neutrale Belgien überfiel und besetzte.

Karl Spier wurde zunächst als feindlicher Ausländer von den belgischen Behörden interniert. In den Wirrungen nach der Besatzung Belgiens konnte er mit seiner Familie nach Frankreich gelangen. Aber auch dort wurden sie als Deutsche interniert und Karl Spier in Südfrankreich in einem Lager inhaftiert. Seine Frau Hilde und die beiden Kinder folgten ihm nach Südfrankreich und versuchten den Kontakt zu halten. Nach der Niederlage Frankreichs lebten sie zunächst in dem von Deutschland nicht besetzten Teil Frankreichs. Die Eheleute versuchten alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Frankreich zu verlassen und aus dem deutschen Einflussbereich zu entfliehen. Immerhin gelang es Karl Spier 1942 aus der Haft entlassen zu werden und die Familie ließ sich für kurze Zeit in Cap d‘Áil im Südosten Frankreichs nieder. Von hier aus planten sie trotz einer fehlenden Ausreisegenehmigung ihre Flucht aus Frankreich. Der Versuch scheiterte und am 19. August 1942 wurden Hilde und Karl Spier von der französischen Polizei verhaftet. Mithilfe eines französischen Wachmannes gelang es Hilde Spier, die Kinder in die Obhut eines italienischen Diplomaten zu geben, der die beiden nach Italien mitnahm und dort bis zum Kriegsende verstecken konnte. Dies rettete den Kindern das Leben. Karl und Hilde Spier wurden kurze Zeit später nach Auschwitz deportiert. Hilde Spier wurde kurz nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Karl Spier kam als KZ-Häftling zunächst in ein Arbeitslager. Er starb im Januar 1945 auf einem Todesmarsch.

Wie das bei uns gefundene Buch aus dem Familienbesitz in unseren Bestand gekommen ist, lässt sich nicht mehr genau klären. Es wurde im vergangenen Jahr bei der Überprüfung unserer Altbestände gefunden. Im Buch fanden wir eine genealogische Notiz, die vermutlich von Karl Spier stammt und Daten von ihm selbst sowie seinen Eltern zeigt.

Mit Hilfe der Konrad Adenauer Stiftung in Erfurt konnten wir im letzten Jahr zuerst die Tochter kontaktieren und im Juni dieses Jahres den Sohn erreichen. Die beiden zeigten sich sehr bewegt über diesen Fund aus dem Besitz ihrer Eltern, zumal dieses Buch eine der wenigen Habseligkeiten und Erinnerungen aus den wenigen Jahren darstellt, in denen die Kinder ihre Eltern erleben durften.

Im August dieses Jahres konnten wir nun das Buch den beiden Kindern restituieren.