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Die Ehe, sein reinstes Werk

mercredi, den 22.01.2020

Zu ihrer Zeit von großen Geistern tief bewundert, heute fast vergessen: Eine Ausstellung über den Dichter Richard Dehmel und seine Frau Ida.

Von Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung, 22.01.2020

Sein Ebenbild, mannshoch fast und bestes Öl von 1888, hängt am Ausgang zum Klo, aber wer von den Studierenden im Lesesaal weiß schon, dass es sich hier um den „größten deutschen Dichter“ (Frank Wedekind) handelt, dem Stefan Zweig „in Liebe und Verehrung“ ein dramatisches Frühwerk übersandte, dem Else Lasker-Schüler nachrühmte, er sei „der einzige der außer mir dichten kann“, und dem Arnold Schönberg versicherte: „Fast an jedem Wendepunkt meiner musikalischen Entwicklung stand ein Dehmelsches Gedicht“? Zur Eröffnung der Ausstellung „Zwei Menschen. Richard und Ida Dehmel in Hamburg“ in der dortigen Staats- und Universitätsbibliothek durfte die Versammlung ergriffen einer Youtube-Verlesung von Richard Dehmels berühmtestem Gedicht „Verklärte Nacht“ lauschen, die Verse d-mollig gestreichelt von Schönbergs wagnertrunkenem Streichsextett. „Das Weib“ raunt mondumspült: „Da hab ich mich erfrecht/da ließ ich schaudernd mein Geschlecht/umfangen von einem fremden Mann“. Schwanger ist sie von ihrem Ehemann, verliebt aber in den anderen, der da im Mondenschein neben ihr geht, den Mann, der jetzt sein Rezitativ spricht: „Das Kind, das du empfangen hast,/sei deiner Seele keine Last,/o sieh, wie das Weltall schimmert.“ Er weiß Rat, er weiß ihr zu helfen: „Du wirst es mir, von mir gebären.“

  Anatomisch war das auch schon 1897 nicht ganz auf der Höhe der Zeit, aber wer wollte biologisch rechten bei dieser Wertheriade mit ausnahmsweise glücklichem Ausgang. Schönberg war beileibe nicht der einzige, der sich an diesen Gedichten berauschte, die sein Autor mithilfe eines treuen Reimlexikons zu Aberhunderten raushaute und nicht Ruhe gab, ehe sich auf „Wein- und Blumen-Gelüste“ „schwellende Lippen und Brüste“ meldeten. Dehmel lieferte der vorletzten Jahrhundertwende jene vitalistische Explosion, ohne die es den frühen Rainer Maria Rilke so wenig gegeben hätte wie später den Expressionismus, aber gründlicher vergessen als dieser Dichter kann einer kaum sein.

  Die Hamburger Ausstellung feiert den vor genau hundert Jahren an Kriegsfolgen Verstorbenen aber nicht allein, auch die Frau ist dabei, die womöglich noch vergessenere Ida Dehmel, geborene Coblenz, geschiedene Auerbach. Ihrer beider Ehe, betonte sie in einem Brief, das sei doch etwas anderes gewesen, „als wenn der Hans die Grete freit“. Richard war nämlich verheiratet, als er um Ida warb, die, ebenfalls verheiratet, Scheidung und neue Ehe mit Selbstmorddrohung erzwang und dann daranging, den 1901 geschlossenen Bund zum Kunstereignis des deutschen Fin de Siècle zu formen: Er, der ungestüme Dichter, sie das „Weib“ dazu, die Muse, die Adressatin seiner Eruptionen, kurz die „Einzige“, wie sie sich von dem chronisch polyamourösen Dehmel liebend gern beschmeicheln ließ.

  Nie nämlich konnte sie es verwinden, dass ein anderer Dichter, „S’Schorsche Schtefan“, ihr nicht wie versprochen seinen Gedichtband gewidmet hatte. Stefan George, der Landsmann aus Bingen, war 1892 noch nicht richtig schwul, vor allem dürstete ihn nach ihrer Bewunderung. Ida aber wurde standesgemäß und entsprechend unglücklich nach Berlin verheiratet, wo sie sich mit einem Salon voller Künstler schadlos hielt. Da lernte sie diesen Dehmel kennen, den überschäumenden, angenehm verruchten Dichter. In strengster Kalligrafie mit fast gewalttätig schrägen Unterlängen schreibt sie ihm als „Frau Consul Auerbach“, weil sie die beiden unbedingt zusammenbringen will. Dehmel jedoch möchte George „keine Extra-Prezeln backen“, und George schimpft minuskelstark über die Gedichte des Konkurrenten, sie gehörten „zum schlechtesten und widerwärtigsten was mir in die hände kam“. Vor allem aber war die reiche Erbin in falsche, nämlich nicht in seine Hände geraten. George brach jeden Kontakt ab, weil sie den erfolgreichen Dehmel erwählte.

  Obwohl Dehmel bald feststellte, dass die Hamburger „lieber in commercielle als in poetische conférences“ gehen, ließen sie sich auf den arkadischen Höhen von Blankenese nieder, und Ida konnte für das wilhelminische Kunst-Deutschland Hof halten. Walther Baedeker baute ihnen ein Haus nach ihren Plänen, bei Peter Behrens bestellten sie die Champagnergläser, jedes Möbel, sogar die Tapete war vom hohen Paar selber entworfen. In einem Schrank, das Holz nach Adressaten beschriftet, wurde die Korrespondenz gesammelt. Mehr als 35 000 Briefe sollen es sein, die noch kaum ausgewertet sind. Rathenau, Hauptmann, Hofmannsthal, Warburg, Thomas Mann: Die deutsche Kultur legte zusammen, um dem Dichter 1913 zum Fünfzigsten dieses Haus zu schenken, in dem er mit Ida bis dahin nur zur Miete wohnte; er selber feierte den Tag, indem er den Montblanc bestieg und sich dabei drei Finger abfror. Im Jahr darauf fühlte er sich noch „adlerjung“ und bettelte um Verwendung an der Front und predigte deutsches Wesen auflagenstark aus dem Schützengraben.

  Zu Hause setzte Ida dem Verleger Samuel Fischer in sachlichstem Ton auseinander, dass die „Lieder für Maria“, die johannestriebigen Gedichte an eine junge Dichterin, auf keinen Fall erscheinen dürften. „Vielleicht“, diktierte sie seinem Biografen für die Nachwelt, „vielleicht war Dehmels Ehe sein reinstes Werk.“

  Das Buch „Zwei Menschen“ sollte es dokumentieren, ein „Roman in Romanzen“, die Geschichte dieser gegen gesellschaftliche Rücksichten eroberten Liebe, das „WirWerk“. Eine ganze Vitrine zeigt die Korrekturen, die Dehmel anbrachte, Satzanweisungen, immer noch eine Verbesserung an die „verehrliche Druckerei“. Die Künstlerehe musste in die Kunst eingehen; Jay-Z und Beyoncé sind nichts dagegen.

  Ida Dehmel hütete das Haus und das Werk über den Tod des Dichters hinaus. Sie sah sich als seine „Dienerin“ und dankte Gott, dass sie „Dehmel glücklich machen durfte“. Selbst der ihr wohlgesonnene Biograf Matthias Wegner kann kein poetisches Talent bei ihr entdecken, aber sie agierte geschickt als Managerin, lernte Perlensticken und betrieb im Keller sogar eine kleine Manufaktur. Miss Jugendstil wandelte sich zur Reformkleidfrau, trat für das Frauenwahlrecht ein und gründete 1926 den Künstlerinnenverband Gedok. Nach der Machtübergabe an die Nazis half auch der verblassende Ruhm des Gatten nicht mehr; die Witwe wurde aus der Öffentlichkeit verdrängt. Peter Suhrkamp intervenierte noch, damit sie keinen Judenstern tragen musste. Im Herbst 1942, als ihre Untermieter bereits nach Theresienstadt deportiert waren, nahm sie Schlaftabletten.

Zwei Menschen – Ida und Richard Dehmel, Staatsbibliothek Hamburg, bis 22. März.

Keine Ruhe, bis auf „Wein- und
Blumen-Gelüste“ „schwellende
Lippen und Brüste“ folgten

Miss Jugendstil wandelte sich
zur Reformkleidfrau und trat für
das Frauenwahlrecht ein

Jay-Z und Beyoncé sind nichts dagegen: Der 1863 geborene Autor rauschhafter Lyrik
Richard Dehmel und die 1870 geborene Ida Auerbach, geborene Coblenz, führten zusammen einen stilvollen Haushalt. Nach seinem Tod 1920 und bis die Nazis sie in den Selbstmord trieben,
hütete sie seinen Nachlass. Unten eine Kleckserei (1901), die im Hamburger Archiv
von der Künstlerehe geblieben ist.
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