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Hamburg, Carl von Ossietzky

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Ida Ehre - Schauspielerin, Theaterleiterin, Bürgerin

The Stabi, in its role as the regional library of the Free and Hanseatic City of Hamburg, collects, stores and presents all kinds of material relating to the history and regional studies of the city and its surroundings.

Ida Ehre Plakat

Führungen: Mittwochs 11 Uhr, Gruppen bitte anmelden bei Dr. Grau (42838-5857) oder Dr. Giesing (42838-6511)

"Sie war eine wunderbare Frau, Idele..." (Ephraim Kishon)

Wie die Umbenennung eines Platzes und einer Schule zeigt, lebt die Erinnerung an Ida Ehre (1900-1989) fort. Dem Namen die damit bezeichnete Gestalt zu erhalten und das Wissen an Jüngere weiterzugeben, dies ist das Ziel der Ausstellung; ihre Voraussetzungen: der Erwerb des Nachlasses Ida Ehre durch die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky und die Archivbestände der Hamburger Theatersammlung (Universität Hamburg).

Die Ausstellung geht auf die künstlerische und politische Bedeutung dieser außergewöhnlichen Frau ein und zeichnet ihren biographischen Weg nach: von dem Debüt der Schauspielerin, 1919 im polnischen Bielitz/Bielsko, über die Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus bis zu der Entscheidung nach Kriegsende, in Deutschland zu bleiben und in einem eigenen Theater die unterbrochene Tradition der Moderne wiederaufleben zu lassen.

Der Hauptteil gilt ihrem Wirken in Hamburg und ihrem Lebenswerk, den im Dezember 1945 eröffneten Hamburger Kammerspielen. Unterstützt durch ein hochkarätiges Ensemble schuf sie der bis dato unterdrückten internationalen Dramatik, Werken emigrierter Autoren und jungen Schriftstellern ein Forum, das - nicht erst mit der Uraufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" (1947) - das ehemalige jüdische Gemeinschaftshaus in der Hartungstraße zu Hamburgs wichtigstem Nachkriegstheater werden ließ.

An ihrem Programm hielt sie auch nach der Währungsreform fest, als die Fortexistenz des Privattheaters zeitweilig auf dem Spiel stand und sie zu künstlerischen Kompromissen gezwungen war. Ihr "Theater der Menschlichkeit" suchte Ida Ehre in einem Spielplan zu verwirklichen, der sich auf die klassische (heitere) Moderne und die internationale Dramatik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stützte und immer wieder durch die Aufführung realistischer 'Problemstücke' Denkanstöße geben wollte und gab. Vor allem aber fand ihre Bühne als ein Theater der Schauspieler sein Publikum, in dem sie als Prima inter pares wirkte.

Ida Ehres Bereitschaft, zu verzeihen - "wohlgemerkt nicht zu vergessen, denn das kann man doch nie", wie sie 1953 einer emigrierten Kollegin schrieb, um mit der Frage fortzufahren: "Werden wir nicht wie die anderen, die wir verurteilen, wenn wir so sind mit dieser Einstellung der Härte? Wollen wir nicht den Versuch machen, gut zu sein, und durch diese Güte vielem Bösen und Häßlichen den Wind aus den Segeln nehmen?"-, ihr kämpferischer Mut, mit dem sie die Kammerspiele über mehr als vier Jahrzehnte leitete, und ihre persönliche Integrität prägte ihre Rollengestaltung wie ihr Theater und ließ aus der einstigen Verfolgten eine moralische Instanz werden, die weit über Hamburg hinaus gehört wurde. Mit der Teilnahme an Kundgebungen der Friedensbewegung wurde sie in den achtziger Jahren auch zu einem Leitbild für jüngere Generationen. In den zahlreichen Auszeichnungen, welche in der Verleihung der Ehrenbürgerwürde 1985 und der Einladung zu der Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag vom 10. November 1988 gipfelten, drückt sich die hohe Anerkennung aus - auf persönlichere und unverstellte Art spricht diese Wertschätzung aber auch aus den Zuschriften, die sie von 'Verehrern' aus ganz Deutschland erhielt, und den Briefen, die sie mit Kollegen und Freunden wechselte.

Durch die Kombination persönlicher Zeugnisse, vor allem (unveröffentlichter) Briefe prominenter wie nicht-prominenter Zeitgenossen an Ida Ehre, und künstlerischer Dokumente - darunter Rollenbücher, Programmerklärungen, Szenenfotos und Kritikenauszügen - stellt die Ausstellung eine Jahrhundertfigur in ihren historischen Bezügen - als Schauspielerin, Theaterleiterin, Bürgerin - vor, regt aber auch dazu an, über das Verhältnis von Kunst, Politik und Menschlichkeit nachzudenken.

Dr. Michaela Giesing