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„Ist die Zeile gut, zerspringt das Fenster“

Thursday, den 16.11.2017

Alexander Diehl hat für die Charms-Lesung „Der ausgehungerte Zauberer“ am 16.11.2017 den Übersetzer Alexander Nitzberg interviewt.


taz: Herr Nitzberg, nehmen wir an, jemand hat nie von ihm gehört: Warum Daniil Charms? Warum heute?

Alexander Nitzberg: Er ist eine Person, ein Schriftsteller, ein Dichter, der die ganze Existenz in Frage stellt, und das in jeder Zeile. Er fragt sich permanent, ob die Realität, in der wir leben, wirklich eine Realität ist. Und ich denke, solche fragwürdigen Elemente sind in unserem heutigen Leben genauso wichtig wie zu jeder anderen Zeit: ein kurzes gedankliches Aufrütteln, Aufgerüttelt-Werden.

Insofern ist er aktuell?

Echte Kunst lebt ja gerade davon, dass sie immer aktuell ist, in ihren Fragestellungen, in ihren Wirkungen. Und von Charms geht eine sehr starke Wirkung aus. Er hat fest an die Kraft der Sprache geglaubt, in einem geradezu magischen Sinne. Von ihm stammt der Satz, man könne überprüfen, wie gut eine Verszeile ist, indem man sie gegen eine Fensterscheibe schmeißt – wenn die Zeile gut war, wird die Glasscheibe zersplittern.

Charms hat Prosa geschrieben, Gedichte, Dramen … Ist Ihnen eine Gattung besonders nahe?

Er hatte ein unordentliches, ungeordnetes Leben und hat auch ein ungeordnetes Werk hinterlassen: ein Konvolut von zahllosen Fragmenten, Passagen … auf der Rückseite eines Gedichts steht vielleicht eine Telefonnummer, ein Gedanke oder Dramenfragment. Letzten Endes muss man ihn wahrnehmen in all seiner Kompliziertheit und all diesen Facetten.

 

Alexander Nitzberg, geboren 1969 in Moskau, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer, Librettist und Rezitator in Wien.

Ist er nicht ein ziemliches Spezialistenthema?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Er hat eine Fangemeinde. Das sind diejenigen, die auf schräge Sachen stehen. Ich meine: Wer Kafka liebt, der muss auch Charms lieben.

Gibt es, so wie das „Kafkaeske“, ein „Charmseskes“?

Im Russischen ist das ein Begriff: gewisse Situationen, absurd, merkwürdig. Wenn Dinge geschehen, die vollkommen unkoordiniert nebeneinander stehen, dann würde man sagen: „Das ist ja der reine Charms.“

Welchen Stand hat er in Russland?

Ich habe als Kind in Moskau gelebt, da war er sehr berühmt – ein Kinderbuchklassiker. Es hat dann bis zur Perestrojka-Zeit gedauert, dass man auch den Rest seines großen Werks entdeckt hat, den erwachsenen Charms. Ob er da richtig verstanden wird, ist eine andere Frage.

Ist Charms leicht zu übersetzen?

Nichts ist einfach zu übertragen, wenn Sie es mit literarischen Werken zu tun haben. Wenn Charms immer wieder davon spricht, wie wichtig ein rhythmischer Puls ist, dann kann ich das nicht in so einen Einheitsbrei übersetzen. Ich versuche das Plastische der Sprache mitzunehmen, sodass die Übersetzungen selbst pulsieren – dass auch sie Glasscheiben zum Platzen bringen.

Interview Alexander Diehl

Lesung „Der ausgehungerte Zauberer“: 18 Uhr, Staats- und Universitätsbibliothek. Eintritt frei

 

 

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