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Die Jäger der geraubten Bücherschätze

Monday, den 25.10.2027

Lena Thiele im Hamburger Abendblatt vom 25.10.2019, S. 13:

Vor 1945 kaufte die Staatsbibliothek beschlagnahmte Werke aus jüdischem Besitz. Jetzt ermittelt sie die Erben der rechtmäßigen Eigentümer

 

Rotherbaum  Ihren Großvater Hans Sternheim hat Ingrid Mertens 1942 
das letzte Mal gesehen. Er wurde gemeinsam mit seiner Ehefrau nach 
Theresienstadt deportiert. " Als ich aus der Schule kam, waren sie 
nicht mehr da", erinnert sich die heute 90-Jährige." Dass jetzt 
Eigentum von meinem Großvater aufgetaucht ist, hat mich sehr berührt."  
Am Donnerstag hat sie in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek 
fünf Bücher, die Hans Sternheim gehörten und als NS-Raubgut identifiziert 
wurden, entgegengenommen und sie der Bibliothek geschenkt -  ergänzt um 
Bücher und Dokumente ihrer Familie, die eng mit Theodor Fontane verbunden war.
Es ist die 34. Rückgabe von Raubgut der Bibliothek, 634 Bücher sind bisher 
an Erben der früheren Besitzer übergeben worden. Immer wieder entscheiden sich 
Erben, Werke als Dauerleihgaben oder Schenkungen der Bibliothek zu überlassen. 
Die Übergabe ist der Abschluss einer monatelangen Spurensuche.
Anneke de Rudder forscht in der Arbeitsstelle Provenienzforschung der Bibliothek. 
Wenn sie sich an die Arbeit macht, gleicht dies einer Detektivarbeit. Die 
Historikerin sichtet Kataloge, sammelt Hinweise, vertieft sich in Akten -  und 
landet immer wieder dort, wo es nicht weitergeht. In diesem Fall gestaltete 
sich die Suche besonders zäh.
Die 52-Jährige schlägt ein dickes Buch mit abgenutztem Leinen­einband auf, 
es nimmt den halben Schreibtisch ein. Im Zugangsverzeichnis der Bibliothek 
sind alle Ankäufe und Schenkungen aufgeführt, handschriftlich in blauer 
Tinte. Von 1941 an sind seitenweise Zugänge gelistet, die aus umfangreichen
"Schenkungen"  der "Geh. Staats-Polizei"  stammen. Die meist jüdischen 
Besitzer waren in Konzentrationslager deportiert oder ins Ausland vertrieben 
worden. Ihr Hab und Gut wurde von der Gestapo beschlagnahmt. In der Hamburger 
Bibliothek ist dies sehr offen dokumentiert. In anderen Einrichtungen ist 
oft auch " Alter Bestand"  oder nur " J"  angegeben.
Auf die Sternheim' schen Bücher stößt die Forscherin in einem anderen 
Teil des dicken Journals, bei den Ankäufen. " Ab 1935 kann man davon 
ausgehen, dass es sich um Notverkäufe handelte. Die Juden mussten 
ihren Besitz verkaufen, weil sie dringend Geld brauchten. Damit sind 
diese Bücher NS-Raubgut."
Im Mai 1939 kauft die Bibliothek 78 Bücher vom Hamburger Auktionshaus 
Hauswedell, darunter Sachbücher, Romane und Biografien. 39 gehörtem 
zuvor -  das ergeben weitere Recherchen in alten Auktionskatalogen - 
"St. in Berlin". Sie stammen aus "nicht-arischem Besitz" , einem von 
den Nationalsozialisten eingeführten Vermerk.
Anneke de Rudder prüft, ob sie noch im Besitz der Bibliothek sind. 
Doch nur fünf Werke haben die vergangenen Jahrzehnte überstanden. 
Sehr wahrscheinlich wurde ein Teil schon 1943 zerstört. Beim Bombenangriff 
auf Hamburg verlor die Bibliothek etwa zwei Drittel ihres Bestands. 
Allein für den Wiederaufbau wurden noch während des Krieges etwa 30.000 
Bücher aus jüdischem Besitz übernommen. Erst in den 1990er-Jahren 
begann die systematische Provenienzforschung. Die lang verschleppte 
Aufarbeitung hat wohl mehrere Gründe. So war über viele Jahre noch 
Personal aus der NS-Zeit beschäftigt. Auch seien seriell produzierte 
Bücher weniger öffentlichkeitswirksam als teure Kunstwerke, sagt 
Maria Kesting, Leiterin der Arbeitsstelle, die 2005 eingerichtet wurde. 
"In erster Linie geht es um den ideellen Wert."
Bei der sogenannten Autopsie der fünf Fundstücke entdeckt Anneke de Rudder 
etwas, was für ihre Forschung ein Glücksfall ist. In einem der Bücher 
klebt ein Exlibris, ein kunstvoll gestalteter Eigentumsnachweis. Die 
kleine Zeichnung beinhaltet die vollständigen Namen des Ehepaars Sternheim. 
Die Forscherin macht sich auf die Suche nach den Erben. Dieser Schritt ist 
oft noch mühsamer als die eindeutige Identifizierung als Raubgut. Nach 
und nach bringt die Suche eine ganz besondere Geschichte zum Vorschein. 
"Hier verzahnen sich zwei Seiten der deutschen Geschichte, die schönste 
und die schrecklichste" , sagt Anneke de Rudder.
Jacob Hans Sternheim wurde 1880 in eine Berliner Bankiersfamilie 
geboren. Seine Eltern waren vom Judentum zum Protestantismus 
übergetreten und enge Freunde der Familie Theodor Fontanes. Als 
Hans getauft wurde, übernahm der Literat die Patenschaft. Hans 
Sternheim wurde ein angesehener Druckereibesitzer in Berlin. 
1905 heiratete er die aus dem Hamburger Grindelviertel stammende 
Ida Marie Eschwege und bekam mit ihr 1906 eine Tochter: Käthe.

In der NS-Zeit wurden die Sternheims als " Volljuden"  verfolgt, 
sie mussten mit Tochter und Enkelin mehrfach umziehen, und als 
sie im Mai 1939 einen Teil ihrer Bücher verkauften, geschah dies 
im Zuge wachsender finanzieller Not. 1942 wurde das Ehepaar nach 
Theresienstadt deportiert, 1944 in Auschwitz ermordet. Käthe, 
geschiedene Frau eines nichtjüdischen Berufsoffiziers, leistete
in Berlin Zwangsarbeit, tauchte unter und überlebte den Krieg 
mit ihrer Tochter in der Oberlausitz.

"Wenn wir Bücher zurückgeben, kennen wir die Familiengeschichte 
oft besser als die Erben", sagt Anneke de Rudder. Die Informationen 
zu den Sternheims setzen sich aus verschiedenen Dokumenten zusammen. 
Die Historikerin sucht zunächst in Online-Datenbanken, findet jedoch
zunächst nichts. Sie besucht Archive in Potsdam und Berlin, entdeckt 
Anträge auf Wiedergutmachung, sieht Verfolgungsakten ein. Dann der 
entscheidende Hinweis: Die Enkelin hatte in den 1990er-Jahren 
Akteneinsicht beantragt, dort ist ihr Name und Berlin als Wohnort notiert.

Anneke de Rudder sieht alte Telefonbücher durch, fragt beim Meldeamt 
nach und hält schließlich einen Zettel mit Adresse und Telefonnummer 
in den Händen. Sie schreibt Ingrid Mertens einen Brief, will sie nicht 
überfordern. Zwei Tage später kommt eine E-Mail zurück, vom Smartphone
der alten Dame. Die Forscherin und die Enkelin telefonieren, dann macht 
sich Anneke de Rudder auf den Weg nach Berlin. Im Gepäck hat sie die 
Bücher von Hans Sternheim.

Ingrid Mertens entscheidet sich, diese in Hamburg zu belassen. In einer 
großzügigen Geste schenkt sie der Bi­bliothek weitere Dinge aus 
Familienbesitz, die nun als Teilnachlass Hans Sternheim zu den 
Sondersammlungen gehören. Es sind Familienfotos, Briefe und 
Originaldokumente, darunter Geburtsurkunden, ein Taufschein, Ausweise, 
Lebensläufe sowie ein Leutnantspatent. Auch zwei Bände mit Fontane-
Gedichten sind Teil des Geschenks. In einem steht eine persönliche 
Widmung des Autors -  "in herzlicher Freundschaft"  -  an Hans 
Sternheims Mutter Marie.

Die Generation von Ingrid Mertens ist die letzte, die den 
Nationalsozialismus miterlebt hat. Die 90-Jährige macht sich Sorgen 
über die derzeitige Entwicklung in Deutschland. " Leider leben wir 
in einer Zeit, in der der Antisemitismus wieder zunimmt" , sagte 
sie bei der Übergabe in der Bibliothek." Das macht mich nachdenklich 
und traurig. Möge auch durch Ihre Wachsamkeit nicht aus dem 
,Nie wieder'  ein ,Doch wieder'  werden."

Kontakt:

Referat für Öffentlichkeitsarbeit


Ann-Kristin Hohlfeld
E-Mail: ann-kristin.hohlfeld@sub.uni-hamburg.de
Telefon: +49 40/42838-5857

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