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Brandauer als Beethoven – Applaus vom Chef

Monday, den 04.09.2017

Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt über eine Leihgabe der Stabi: Das "Heiligenstädter Testament" bei der Konzertsaisoneröffnung des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Hamburg.  "Sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub ... es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur die Kunst, sie hielt mich zurück ... mit freuden eil ich dem Tode entgegen" (sic!): Als Klaus Maria Brandauer klaffende Seelenwunden wie diese entblößte, mit der Dringlichkeit des Inbrunst-Rezitators, der er seit Jahrzehnten ist, war es atemraubend (sic!) still. Bran­dauer saß wie gelähmt an einem Tisch, und in seinen Worten spiegelte sich ein Lebensmoment, den man niemandem wünscht. Taub, als Komponist. Als Ludwig van Beethoven. In der Mitte des Lebens, mit gerade zwei vollendeten Sinfonien im Rampenlicht. Taub. Das Grauen. Wie liest man so etwas angemessen vor? Brandauer konnte das.

Nicht Beethovens tönende Werke selbst, in denen alles mit vielen Wenns und Abers stimmt und vorwärtsstürmt, sondern diese geschriebenen Sätze des 32-Jährigen, 1802 in tiefster Verzweiflung versunken, sorgten für die anrührendsten, aufrichtigsten Momente des Abends, der als Saisonauftakt Format und Größe bewies.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester hatte am Freitagabend zur ersten "Opening Night" in den Großen Saal der Elbphilharmonie geladen, und nicht nur weniger bekannte Musik des Wahlwieners stand im Mittelpunkt – der Komponist selbst war, buchstäblich, unmittelbar anwesend. Denn als Brandauer im Halbdunkel Beethovens "Heiligenstädter Testament" vorlas, lag das Original wenige Meter hinter ihm, dezent beleuchtet, in einer Vitrine. Als unbezahlbarer Schatz, der es ist.

Der Beethoven-Brief kam als Schenkung nach Hamburg

Was wohl nur wenige wissen: Das Beethoven-Dokument, ein Brief an seine Brüder, kam 1888 als Schenkung nach Hamburg, als Dank der Sängerin Jenny Lind für die Begeisterung des örtlichen Publikums. Er liegt seitdem also nicht in einem Wiener oder Bonner Archiv, sondern in der hiesigen Staatsbibliothek. In den Pausen war es im Foyer ehrfürchtig zu besichtigen gewesen. Als letztes eindringliches Manifest des Kampfs eines Einzelnen mit dem Schicksal bildete diese Lesung den dramaturgischen Höhepunkt und emotionalen Abgrund des gesamten Abends. Begonnen hatte er mit einer handlichen, aber nicht handzahmen Sinfonie, der Vierten. Sie wird eher nicht zu den Schwergewichten gerechnet, obwohl in ihrer vermeintlichen Leichtigkeit der Kern des fundamentalen Ringens um Willen und Vorstellung klar angelegt ist. Doch NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock schien vom ersten Einsatz an energisch entschlossen, dieses Vorurteil zu widerlegen.

Er stürmte beim ersten Auftritt nach der Sommerpause, das kurze Eingangs-Adagio als Startblock auskostend und feinzeichnend, geradezu rasant ins thematische Geschehen des Kopfsatzes. Hier war Hengelbrock mitten in seinem ureigensten Element: Er wollte frontal überwältigen und nicht "schön" spielen lassen, historisch informiert und mit einer Intensität, die beim Wirken des Stücks auf sein Publikum den Eindruck verbindlicher Freundlichkeit schwer machen sollte. Volles Risiko, voller Einsatz. Dazu kam, dass Hengelbrock diese Musik in der Tradition Mozarts und Haydns deklinierte, sie also noch nicht als verfrühte Romantik verzärteln oder sogar verharmlosen mochte. Die damit verbundenen Temperamentsausbrüche gingen mitunter zwar zulasten der Treffsicherheit in den Abstimmungsdetails zwischen den Instrumentengruppen. Doch das war ein Manko, mit dem man sich in dieser Stimmung gut arrangieren konnte.

Die Schauspielmusik zu "Egmont" gilt als Rarität

Wenige Jahre nach dieser Sinfonie entstand die Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel "Egmont". Im kollektiven Gedächtnis geblieben ist eigentlich nur die Ouvertüre, der Rest gilt als Rarität. Zur Feier des Auftakts hatten sich Hengelbrock und Brandauer auf die mittlerweile 18 Jahre alte, gemeinsam ausgebrütete Idee einer One-Man-Textfassung des Dramas besonnen. Brandauer erzählte und verkörperte Handlung, Hauptperson und seine Widersacher, ritt also im gestreckten Galopp durch die Geschichte über den heroisch Scheiternden, während das Orchester-Blech bei seinen Signalrufen auch gern mal stramm draufhielt.

Als liebendes Clärchen an Egmonts Seite hatte die Sopranistin Katharina Konradi atmosphärisch passende Kleinigkeiten zu singen. Den größeren Teil der Aufmerksamkeit zogen die Zwischenmusiken auf sich, die wie Ahnen der Filmmusik-Idee das Geschehen kommentierten und in den Melodram-Passagen den Text begleitend untermalten. Von einem regulären Goethe-The­ater-Erlebnis war das zwar noch weltenweit entfernt. Doch als Rekonstruk- tionsansatz einer verloren gegangenen Kunstform war diese Beethoven-Variation durchaus geglückt und beeindruckend.

Gegenpol und Ergänzung zu Bran­dauers Rezitation war der Pianist Víkingur Ólafsson, der vom Flügel aus kommentierte und untermalte, allerdings bei den ausgewählten Sonatensätzen und Bagatellen nicht immer interpretatorisch sattelfest war und den guten Willen mit allzu hörbarer Fingersatz-Hektik überkompensierte. Was nur bewies: Dieser Stoff ist nichts für Zartbesaitete. Aber auch diese Art des Ringens mit den Vorgaben des Schicksals passte zur Gesamtidee, Beethovens furchter­regende Übergröße vorzuführen, die selbst in kleineren Portionen ihre Wirkungsmacht behielt.

Hamburger Abendblatt: Heiligenstädter Testament

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