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Arbeitsstelle Provenienzforschung - NS-Raubgut

Wie geht die Stabi mit NS- Raubgut um?

Die Stabi sieht es als ihre Verpflichtung an, die bedenklichen Zugänge aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzufinden, zu dokumentieren, zu kennzeichnen und den Eigentümern bzw. deren Erben zurückzugeben. In einem ersten Schritt erfolgte zunächst die Sichtung der Zugangsjournale 1940-1944. Eine kontinuierliche, systematische und langfristige Einbindung in das Tagesgeschäft schloss sich an. Die Kollegen handeln in dem Bewusstsein, dass dieses Thema Teil der Geschichte unseres Hauses ist. Sichtung, Auffindung und Identifikation, Erfassung, Provenienzforschung, Meldung in der Lost-Art-Datenbank, Restitution sind die folgerichtigen Schritte.

Ulrike Preuß, Maria Kesting, Dr. Anna von VilliezUlrike Preuß, Maria Kesting, Dr. Anna von Villiez

Das Team

Maria Kesting hat die Leitung der Arbeitsstelle Provenienzforschung NS-Raubgut inne. Die Diplombibliothekarin Ulrike Preuß kümmert sich um alle bibliothekarischen Belange innerhalb der Arbeitsstelle. Die Historikerin Anna von Villiez beschäftigt sich mit den verschiedenen Ebenen der Provenienzforschung.

  • Vorgehen

    • Welche Bestände werden geprüft?

      Seit 2006 erfolgt eine systematische Überprüfung der Zugangsjournale der Stabi auf raubgutverdächtige Eingänge.
      In diesen Journalen wurden alle erworbenen oder als Geschenk erhaltenen Bücher mit Verfasser, Titel, Erscheinungsjahr, der jeweils gebenden Person oder Institution und einer laufenden Nummer (der Zugangsnummer) verzeichnet.

      Nach der Sichtung der Journale der Jahre 1940-1944 wurden die Nachforschungen auf Geschenk-Zugänge aus den Jahren 1933-1951 sowie auf die antiquarischen Erwerbungen ausgeweitet und auch relevantes Aktenmaterial (so z.B. eine Angebots-Liste der Reichstauschstelle aus Berlin) wurde in die Suche nach raubgutverdächtigen Titeln einbezogen.

      Was wird geprüft?

      Geprüft wird jeweils ob sich die fraglichen Titel noch im Bestand der Stabi befinden. Eindeutig zu bejahen ist dies, wenn sich im Exemplare die Zugangsnummer aus dem Journal findet. In diesem Fall prüfen wir, ob sich Hinweise auf die ehemaligen Besitzer (Stempel, Widmungen, Autogramme, Exlibris u.ä.) entdecken lassen.

      Schwierigkeiten

      Bei den Bombenangriffen im Sommer 1943 sind etwa 2/3 des Buchbestandes der Stabi verbrannt, darunter auch Raubgut. Insbesondere in den letzten Kriegsjahren 1943-45 wurden viele Zugänge nicht mehr in den Zugangsjournalen verzeichnet d.h. es kann nicht ermittelt werden, woher Bücher in die Stabi gekommen sind und ob es sich dabei um verdächtige Zugänge handelt.

      Andere Bände können nicht mehr eindeutig als Verdachtsfälle identifiziert werden, z.B. wenn im Rahmen von buchbinderischen Maßnahmen Besitzvermerke, Sekretierungs- und andere Hinweise entfernt bzw. überklebt wurden.

      Trotz dieser Schwierigkeiten konnten bislang mehrere Tausend Bände ermittelt und überprüft werden.

      Zusätzlich werden die überprüften Titel – wenn möglich – gemäß der im Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Bibliotheken definierten Verdachtskategorien klassifiziert. Diese Klassifizierung reicht von Kategorie 1 = „geklärt, kein Raubgut“ bis zu Kategorie 6 = „Raubgut“ (bzw. Kategorie 7 = „entschädigt“).

      Was geschieht mit ermittelten Raubgut-Büchern?

      Bei einem bestätigten Raubgutverdacht bzw. bei eindeutigen Indizien (so vor allem bei Einlieferung über die Gestapo) werden die relevanten Informationen auch im Campuskatalog für die Benutzer sichtbar gemacht. Dies erfolgt über die sogenannte Provenienzverzeichnung. Wenn sich in den als Raubgut ermittelten Büchern Hinweise auf die Besitzer finden wie z.B. Besitzstempel, Exlibris, Widmungen etc.   werden diese gescannt und mit dem Campuskatalog verlinkt, so dass diese ansehbar sind.
      Es erfolgt eine gesonderte Aufstellung der Bücher, für die wir eine besondere Verpflichtung haben, weshalb sie nur noch im Handschriftenlesesaal eingesehen werden können. Darüberhinaus erfolgt eine Meldung an die überregionale Lost-Art-Datenbank.

      Wie werden die Ergebnisse der Suche dokumentiert?

      Alle Ergebnisse dieser Überprüfung, d.h. alle ‚Verdachtsmomente’ und Hinweise auf Vorbesitzer, aber auch andere Informationen, die für den weiteren Verlauf des Prozesses von Interesse sein könnten, werden im jeweiligen Datensatz der Verbunddatenbank verzeichnet und stehen so allen Mitarbeitern der Arbeitsstelle zur Verfügung.
      Zusätzlich werden die überprüften Titel – wenn möglich – gemäß der im Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Bibliotheken definierten Verdachtskategorien klassifiziert. Diese Klassifizierung reicht von Kategorie 1 = „geklärt, kein Raubgut“ bis zu Kategorie 6 = „Raubgut“ (bzw. Kategorie 7 = „entschädigt“).

      Was geschieht mit ermittelten Raubgut-Büchern?

      Bei einem bestätigten Raubgutverdacht bzw. bei eindeutigen Indizien (so vor allem bei Einlieferung über die Gestapo) werden die relevanten Informationen auch im Campuskatalog für die Benutzer sichtbar gemacht. Dies erfolgt über die sogenannte Provenienzverzeichnung. Wenn sich in den als Raubgut ermittelten Büchern Hinweise auf die Besitzer finden wie z.B. Besitzstempel, Exlibris, Widmungen etc.   werden diese gescannt und mit dem Campuskatalog verlinkt, so dass diese ansehbar sind.
      Es erfolgt eine gesonderte Aufstellung der Bücher, für die wir eine besondere Verpflichtung haben, weshalb sie nur noch im Handschriftenlesesaal eingesehen werden können. Darüberhinaus erfolgt eine Meldung an die überregionale Lost-Art-Datenbank.

       

       

  • Provenienzforschung

    • „Die Provenienzforschung widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung der Herkunft (Provenienz) eines Kunstwerks oder Archivguts in Museen, Bibliotheken und Archiven.“ (Wikipedia)

      Für den Bereich des „NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts“ ist sie der Versuch, die Herkunft der Bücher zu ermitteln, die ehemaligen Besitzer bzw. deren Erben ausfindig zu machen und die Bücher zu restituieren.

      Ausgangspunkt der Provenienzrecherche sind Besitzvermerke in den als Raubgut klassifizierten Büchern, wie etwa handschriftliche Namenseinträge, Exlibris, Besitzstempel oder andere Spuren, die einen Rückschluss auf frühere Eigentümer zulassen.
      Leider sind nur in einem kleinen Teil der verdächtigen Bücher solche Spuren zu finden und auch diese helfen nicht immer weiter: Ein Exlibris, das nur den Vornamen nennt, ein handschriftlicher Besitzvermerk, der nur die Initialen verrät, ein verblasster Stempel sind Spuren, die leider schnell ins Leere führen.

      Mit einem Namen beginnt die Suche zunächst in Nachschlagemöglichkeiten wie z.B. alten Adressbüchern oder Opferdatenbanken. Unbedingt sind die Akten der eigenen Institution zu befragen, die Auskunft über die Herkunft der Bücher geben können.
      Leider sind diese Akten häufig nicht vollständig, da sie entweder kriegsbedingt zerstört oder am Kriegsende mutwillig vernichtet wurden. Genauso wichtig sind deshalb die Akten der nationalsozialistischen Bürokratie, hier vor allem die der Oberfinanzpräsidenten.
      Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass Informationen zu den früheren Besitzern nicht automatisch auch zu deren Erben führen. Wenn es überhaupt Erben gibt, so bedarf es oft weiterer Recherchen, diese zu finden.

      Hilfreich für die Provenienzforschung ist eine gute Vernetzung der verschiedenen Institutionen, denn manchmal finden sich auch in den Akten anderer Einrichtungen Hinweise auf problematische Bestände der eigenen Bibliothek.

      Insgesamt benötigt der Provenienzforscher ein detektivisches Gespür, viel Ausdauer - und hin und wieder auch die Hilfe des Zufalls.

  • Chronik

    • Jahr Ereignis
      1951 Anfrage der Hamburger Schulbehörde an alle ihr unterstellten Einrichtungen nach jüdischem Kulturgut
      1974 800 Hebraica als Dauerleihgabe an das Institut für die Geschichte der Deutschen Juden
      1999 Die Kulturbehörde bittet um „Nachforschungen über Objekte aus ehemals jüdischem Besitz, die zwischen 1933 und 45 erworben wurden“
      1999 Überprüfung der Bestandsverhältnisse der Stabi und Meldung an die Kulturbehörde
      2002 Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse in der „Auskunft“
      2006 Erste Fortbildungsveranstaltung in der Stabi zum Thema NS-Raubgut
      2006 ff. Systematische Recherche anhand der Zugangsbücher nach den als „Geschenk“ der Gestapo eingegangenen Bücher. Verzeichnung der Bücher als NS-Raubgut im Katalog der Stabi
      2007 Vorstellung des Projektes auf dem 3. Hannoverschen Symposium „NS-Raubgut in Bibliotheken ...“. Erste Meldung der bislang ermittelten Bücher an die Lost-Art-Datenbank in Magdeburg
      2008 Beginn der Provenienzforschung im Rahmen einer Diplomarbeit an der HAW. Erforschung der Aktenlage im Hinblick auf ‚verdächtige’ Zugänge und Erwerbungen der Bibliothek in den Jahren 1933-45, auch in einer Diplomarbeit.
      2008 Ausstellung „Geraubte Bücher ...“
      2008 ff. Weiterführung der Suche nach, der Verzeichnung von und der Dokumentation von NS-Raubgut in der Stabi
      2009 Die Ausstellung „Geraubte Bücher ...“ wird im Staatsarchiv gezeigt.
      2009 Die Stabi stellt einen Provenienzforscher ein, dessen Stelle aus Bundesmitteln finanziert wird
      2010 Projektvorstellung auf einem Workshop in Berlin für Neueinsteiger in das Thema
      2010 Teilnahme an der Ringvorlesung der Universität Hamburg „Das literarische Feld in Hamburg 1933 – 1945“ mit dem Beitrag „Von fragwürdigen Geschenken und Ankäufen – NS-Raubgut in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky“
      2011 Beitrag zur Bibliothek von Ignaz und Helene Petschek auf dem 4. Hannoverschen Symposium
      2011 Vortrag auf dem Bibliothekartag in Berlin
      2012 Vortrag auf dem Bibliothekartag in Hamburg
      2012 Ausstellung "im Ganzen sehr erwünscht..."
      2013 Restitution der Bibliothek Petschek unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit
      2014 Veröffentlichung einer Broschüre mit den bisherigen Ergebnissen

Kontakt:

Arbeitsstelle Provenienzforschung - NS-Raubgut

Dr. Anna von Villiez / Maria Kesting
Historikerin / Leiterin
E-MailMaria.Kesting@sub.uni-hamburg.de
Telefon+49 40/42838-3354 / -3351
Telefax+49 40/42838-3352

Foto von Maria Kesting (Ltg.)/ Dr. Anna von Villiez/ Ulrike Preuß Arbeitsstelle Provenienzforschung - NS-Raubgut