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Hamburg, Carl von Ossietzky

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Biografie

1587–1605: Kindheit und Jugend

* 22. Oktober (jul.)/1. November 1587 in Lübeck

† 23. September (jul.)/3. Oktober 1657 in Hamburg

Porträt von Jungius. P 22 : J 22.
Porträt von Jungius. P 22 : J 22.
Jungius wurde am 22. Oktober 1587 in Lübeck geboren. So steht es in allen Nachschlagewerken seit Guhrauer 1850. Johannes Moller schrieb 1744, Jungius habe in der Nacht, die auf den 21. Oktober folgte, oder in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober das Licht der Welt erblickt (Moller 1744 III, 342). Martin Fogel berichtete 1658 noch genauer: Er wurde in Lübeck im Jahr des vorigen Jahrhunderts 1587 geboren, mitten in der Nacht zwischen dem 21. und 22. Oktober, genau[er gesagt] um ein Viertel nach der ersten [Stunde]. (Vogelius 1658, 9) Zwischen Fogel und Moller liegen fast, zwischen Moller und Guhrauer noch einmal über 100 Jahre. Da die jüngeren Schreiber dem älteren nicht widersprechen, können wir davon ausgehen, dass ihnen keine Quellen zur Verfügung standen, die etwas anderes behaupteten und somit Fogel als die zuverlässigste Quelle ansehen.

Was heißt das aber nun? Um das genauer zu verstehen, müssen wir die Stundenzählung kennen, die Fogel verwendete, die Datumszählung und den Kalender. Die letzte Frage ist die einfachste: Die Angabe muss sich vor 1700 in den protestantischen Städten Norddeutschlands auf den Julianischen Kalender beziehen. Um ein gregorianisches Datum zu erhalten müssen wir zehn Tage hinzuzählen. Nun kommt die etwas schwierigere Abwägung: Wann war die erste Stunde der Nacht? Noch Moller geht der Entscheidung aus dem Weg und benennt die Nacht mit dem Datum eines oder beider benachbarter Tage. Aber aus unserer Sicht gehörte diese Nacht bis Mitternacht zum 21. und von da an zum 22. Oktober. Glücklicherweise macht Fogel uns die Sache leicht und spricht von der Mitte. Die erste Stunde begann also wohl mit der Mitternacht, wie es auf mechanischen Uhren leichter einzustellen und abzulesen war und nicht wie bei Sonnenuhren und in der religiösen Zeitrechnung üblich mit dem Sonnenuntergang, denn dann wäre die erste Stunde zu Anfang und nicht in der Mitte der Nacht gewesen.

Somit ist das Geburtsdatum 22. Oktober im Julianischen Kalender vermutlich richtig, es entspricht dem 1. November des Gregorianischen Kalenders. Was seinen Tod betrifft, schrieb Fogel: Er schied aber am 23. September dahin um das dritte Viertel der elften nächtlichen [Stunde]. (Vogelius 1658, 14) Wir würden heute von 22.45 Uhr sprechen; der 23. September des Julianischen entspricht dem 3. Oktober des Gregorianischen Kalenders.

Vater: Nicolaus Jungius († 1589)

Mutter: Brigitta Nortmann, geb. Holdmann, verw. Jungius

Halbschwestern: Anna Klintworth, geb. Nortmann; Dorothea Bihlefeldt, geb. Nortmann

Schulbesuch bis 1605 am Katharineum in Lübeck

Joachim Jungius war der Sohn von Nicolaus Jungius und Brigitta, geb. Holdmann. Seinen Vornamen hatte er vermutlich nach seinem Großvater mütterlicherseits erhalten, dem Lübecker Dompastor Joachim Holdmann. Nicolaus Jungius war Lehrer an der Lübecker Schule, dem Katharineum (Vogelius 1658, 9).

Bereits im Jahr 1589, Joachim war vielleicht noch keine zwei Jahre alt, wurde Nicolaus Jungius ermordet. Fogel berichtet: Als er nämlich von einem Treffen fröhlich nach Hause aufbrach, wurde er von einem Unbekannten versehentlich mit dem Schwert niedergemacht, der überzeugt war, es sei sein Konkurrent. (Vogelius 1658, 9) Die genaueren Umstände dieses Zwischenfalls sind unbekannt: Weder wissen wir, um welche Art von adversarius es sich handelte, ob ein Liebeshandel dahintersteckte oder Geld, vielleicht auch ein Amt, noch können wir nachvollziehen, warum er Nicolaus Jungius dafür hielt und inwiefern es sich um ein Versehen handelte. Jungius, von dem Fogel diese Information bekommen haben muss, hat entweder selbst nicht mehr gewusst oder nicht mehr dazu sagen wollen.

Jungius’ Mutter heiratete bald wieder: Martin Nortmann, einen Kollegen von Nicolaus Jungius am Katharineum. Ihre Briefe an Jungius unterschrieb sie später „Birgitta Nort[t]mans“. Mit Nortmann hatte sie zwei Töchter: Anna und „Doratia“ (Dorothea) (Jungius/Rothkegel 2005, 42).

Zeichnung
Zeichnung
Joachim Jungius besuchte als Schüler das Katharineum und galt nach Fogels Bericht als eine Art Wunderkind: Er sei ein Autodidakt gewesen und habe besonders in der Logik geglänzt (Vogelius 1658, 9). Laut Moller nahmen sich der Rektor Otho Gualtperius und der Subrektor Joachim Drenckhan seiner an und ersetzten gewissermaßen den Vater. Das Talent zur Logik zeigte sich darin, dass Jungius seinen Mitschülern die Dialectica des französischen Logikers Petrus Ramus erklärte. (Moller 1744 III, 342) Auch sprachlich war Jungius offenbar begabt, denn er schrieb Tragödien, von denen uns eine erhalten ist (Lucretia) und hielt im Jahr 1605 eine viel bewunderte Rede gegen die Redekunst, für eine gesunde und wahre Sprache (NJJ : Pe. 4).

1606–1618: Studienzeit

Studium der Philosophie von 1606–1608 in Rostock und Gießen

Abschluss: 1608 als Magister Artium der Universität Gießen

Ein gepresstes Blatt aus Jungius' Herbarium, eingeordnet in NJJ : Wo. 17
Ein gepresstes Blatt aus Jungius' Herbarium,
eingeordnet in NJJ : Wo. 17
Im Mai 1606 schrieb Jungius sich an der Universität Rostock ein, die damals die Landesuniversität nicht nur Mecklenburgs war, sondern quasi auch der umliegenden Hansestädte, besonders Lübecks und Hamburgs.

In Rostock bestand wie anderswo das alte System der vier Fakultäten fort: Die Philosophische oder Artistenfakultät bot eine Art Grundausbildung und als üblichen Abschluss den Magister Artium. „Artium“ und „Artisten“ bezog sich auf die sieben freien Künste (artes liberales). Die anderen drei Fakultäten waren die Theologie, die Rechtswissenschaft und die Medizin. Diese Fächer schloss man i. d. R. mit einem Doktorgrad ab. Allerdings war es in Rostock üblich, nur zu studieren und für den Abschluss an eine renommiertere Universität zu wechseln. So hielt es auch Jungius.

Rostock hatte einen guten Ruf in den Rechtswissenschaften, in der Theologie galt Rostock als Hochburg der Wittenberger (lutherischen) Orthodoxie. Das ist wichtig, weil gelegentlich bezweifelt wurde, dass Jungius Lutheraner gewesen sei, aber es gibt keinen äußeren Hinweis auf das Gegenteil. Auch die Universität Gießen, an die Jungius zum Abschluss seines Philosophiestudiums wechselte, war als lutherische Konkurrenzgründung zur calvinistischen Marburger Universität im geteilten Hessen gedacht.

In die Rostocker Zeit fällt nach Fogels Deutung Jungius’ Entscheidung, die Metaphysik abzulehnen und sich der Mathematik zuzuwenden. Durch alle erhaltenen Werke zieht sich dieses Anliegen wie ein roter Faden: Die Metaphysik sei unwissenschaftlich und rein spekulativ, der Fortschritt müsse von der klar strukturierten und streng beweisenden Mathematik ausgehen.

Am 10. April 1608 bezog Jungius die Gießener Universität, die als fortschrittlich und gut ausgestattet galt. Am 22. Dezember schloss er sein (erstes) Studium mit dem Magister Artium ab. Von den Absolventen dieses Semesters war Jungius der beste (Vogelius 1658, 10).

1609–1614: Professor der Mathematik in Gießen

1614/1615: Schulreformversuche in Augsburg

1615/1616: Schulreformversuche in Lübeck

Geometrische Zeichnung
Geometrische Zeichnung
Am 5. November 1609 wurde der erst 23jährige Jungius überraschend zum Professor der Mathematik in Gießen berufen. Allerdings war das wohl nicht nur ein Ausdruck der Wertschätzung für einen talentierten jungen Gelehrten, sondern zeigte auch den geringen Stellenwert, den die Mathematik hatte. Bei seinem Amtsantritt redete Jungius wie schon aus Anlass der Promotion über die Wissenschaft, die den Menschen zum Menschen mache und vom Tier unterscheide. In seiner Antrittsrede bekennt er sich erstmals als Anhänger des copernicanischen Weltbilds (Guhrauer 1850, 19–20).

Zur Mathematik gehörten nach damaliger Auffassung auch Fächer, die wir heute eher zur Physik zählen: Astronomie, Optik, Mechanik. Sie wurden als Mathematica mixta zusammengefasst. Wegen ihrer technischen Bedeutung wurden Mechanik und gelegentlich Optik auch als „mathematische Magie“ verstanden. Für Jungius gehörten Astronomie und Optik zu seinen Obliegenheiten als Mathematikprofessor.

Im Juli 1612 wurde er gemeinsam mit seinem Kollegen Christoph Helwig zum Reichstag nach Frankfurt a. M. geschickt. Dort begegnete er dem Schulreformer Wolfgang Ratke, der einen Weg entwickelt hatte, jede Sprache binnen einem Jahr zu erlernen. Jungius, Helwig und einige Jenaer Kollegen setzten sich mit diesem Ansatz auseinander und veröffentlichten dazu1613 ein Gutachten. Am 26. April 1614 gab Jungius seinen Lehrstuhl auf und ging mit Helwig (der sich hatte beurlauben lassen) und Ratke nach Augsburg, wo das Ratkesche Konzept in die Tat umgesetzt werden sollte (Wohlwill 1888, 49–50).

Jungius und Helwig überwarfen sich mit Ratke. Die Gesamtsituation dabei ist etwas unklar. Ratke ließ sich wohl nicht gerne in die Karten schauen und war überaus misstrauisch, außerdem herrisch. Helwig zerstritt sich heftig mit Ratke und ging rasch aus Augsburg nach Gießen zurück. Er ließ später in seinen Briefen an Jungius kaum ein gutes Haar an Ratke. Der ruhigere Jungius blieb bis zum Sommer 1615 in Augsburg und kehrte im Juli nicht nach Gießen, sondern nach Lübeck zurück (Guhrauer 1850, 38–45).

Nach einem erfolglosen Versuch, in Lübeck die Ratkesche Lehrkunst durchzusetzen oder wenigstens einige Verbesserungen in der Schule anzubringen, entschloss sich Jungius ein weiteres Mal zu studieren, diesmal Medizin.

Studium der Medizin von 1616–1618 in Rostock und Padua

Abschluss: 1618 als Doctor medicinae in Padua

In Rostock gab es damals drei medizinische Lehrstühle, von denen einer mit dem Amt des Stadtphysicus zusammenfiel (er wurde von der Hansestadt Rostock finanziert), ein weiterer mit dem des Leibarztes des mecklenburgischen Herzogs (vom Herzog finanziert). Dieser Leibarzt war auch Professor der Höheren Mathematik, während die Niedere Mathematik an der Philosophischen Fakultät angesiedelt war (Asche 2000, 107).

Aus einem Brief von Jungius’ Mutter vom 11. (jul.)/21. März 1617 ist zu ersehen, dass Jungius kurz nach seinem Umzug nach Rostock an einem Fieber erkrankte. Es handelte sich vermutlich um ein Wechselfieber ähnlich der Malaria, wie sie früher auch in Nordeuropa verbreitet waren (z. B. als „Deichfieber“ bei Deichbauarbeiten).

1618 ging Jungius gemeinsam mit Hermann Westhoff zum Abschluss seines Studiums nach Padua. Westhoff stammte ebenfalls aus Lübeck und blieb Jungius sein Leben lang freundschaftlich verbunden. Er wirkte als Arzt in Lübeck und starb 1655.

Der Einband der Doktorurkunde aus Padua, Cod. scrin. 239.
Der Einband der Doktorurkunde aus Padua,
Cod. scrin. 239.
Die Universität Padua gehörte der Republik Venedig an und wurde vor dem Zugriff der Kirche geschützt. Mit der Bulle In sacrosancta hatte Papst Pius IV. 1564 angeordnet, dass nur Katholiken zum Doktor promoviert werden dürften. Venedig umging diese Anordnung zunächst, indem es stattdessen Urkunden von einem Pfalzgrafen ausstellen ließ, gewährte 1587 deutschen Studenten Glaubensfreiheit, um ihrer Abwanderung vorzubeugen und verbot 1591 dem Jesuitenorden öffentliche Lehrveranstaltungen, nachdem es zu Tumulten gekommen war. 1616 gelang es durch das Engagement Paolo Sarpis, Doktorurkunden auctoritate Veneta auszustellen. Fortan war die Bedeutung Paduas als Studienort deutscher Protestanten in Italien gesichert (Rossetti Universität Padua 1985, S. 40–41).

Viele Rostocker studierten eine Zeitlang in Padua, das in der Medizin einen guten Ruf hatte, besonders wegen des fast fünfzigjährigen Wirken Fabricius’ ab Acquapendente, der 1594 das berühmte Anatomische Theater bauen ließ, das erste seiner Art (Rossetti 1985, 29–30). Es diente als Vorbild auch des Anatomischen Theaters von Leiden; die Rostocker Mediziner hatten wiederum gute Beziehungen zu den niederländischen Anatomen.

Jungius und Westhoff schrieben sich am 11. August in Padua ein und wurden im September in Ämter der „deutschen Nation“ an der Universität gewählt: Westhoff als Consigliere, Jungius als Procuratore (Kassenwart). Am 22. Dezember wurde Jungius zum Doktor der Medizin promoviert unter dem Vorsitz des bekannten Arztes Santorio Santorio (Vogelius 1658, 11).

1619–1628: Arzt und Professor in Rostock und Helmstedt

1622 Gründung der Societas Ereunetica sive Zetetica

Am 7. Februar 1619 oder kurz danach reisten Westhoff und Jungius aus Padua ab und besichtigten Italien und einige deutsche Städte, bevor sie nach Deutschland zurückkehrten. Jungius wurde Ende August 1619 wieder als Mitglied der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock aufgenommen, 1621 auch in den Lehrkörper (Vogelius 1658, 12). Im Jahr 1622 praktizierte er als Arzt in Rostock, Westhoff in Lübeck (Jungius/Rothkegel 2005, 60).

Wichtig wurde für Jungius in dieser Zeit die Societas Ereunetica sive Zetetica . Es handelte sich dabei um eine wissenschaftliche Gesellschaft, die wohl nach dem Vorbild der Accademia dei Lincei gestaltet wurde, die Jungius in Italien kennengelernt hatte und deren bekanntestes Mitglied sicherlich Galileo Galilei war. Besonders im Briefwechsel mit seinem Freund Johann Adolf Tassius drehte sich zwischen 1622 und 1629 fast alles um diese Gesellschaft, für die forschende Mitglieder als auch wohlhabende Förderer, Kontaktleute an verschiedenen Universitäten, festangestellte Laborgehilfen und ein Doxoscopus angeworben werden sollten; einige der Kandidaten sagten auch zu. Tassius verteilte einzelne mathematische Forschungsaufgaben und offenbar wurden deren Lösungsansätze auch verschickt (Jungius/Rothkegel 2005, 10–11).

Der Name der Gesellschaft lässt sich am besten mit „Forschungsgesellschaft“ übersetzen, denn die griechischen Verben ἐρευνάω und ζητέω treffen sich in etwa in der Bedeutung „erforschen“. Sowohl Platon als auch der spätantike Neuplatoniker Proklos stellten beide Verben zusammen, um das unbekanntere durch das bekanntere zu erläutern und somit die Bedeutung im konkreten Zusammenhang zu bezeichnen (Procl. Comm. Parm. IX 672, 6). 1533 wurde Proklos’ Kommentar zu Euklids Elementen ediert und diente fortan als Beweis dafür, dass die antike Geometrie nicht notwendiger Weise eine Anwendung der aristotelischen Logik zu sein brauchte, sondern ebenso gut eigenständig und ohne Rückgriff auf Aristoteles gedeutet werden konnte.

Zetetica war der Titel eines Werks des französischen Mathematiker François Viète, in dem er in Anlehnung an seinen griechischen Vorgänger Diophant das Rechnen mit Buchstaben erklärte, eine Kunst, die Jungius in seiner Gießener Zeit erlernt hatte (Vogelius 1658, 11).

Bemerkenswert ist auch, dass nach Diogenes Laërtios der antike Skeptiker Pyrrhon von Elis seine Schule nicht nur als „skeptisch“, sondern auch „zetetisch“ nannte (Diog. Laert. Vit. IX, 69–70). Diese Form der Skepsis unterschied sich von der „akademischen Skepsis“ dadurch, dass sie gar keine sicheren Aussagen machen wollte, auch nicht die, dass es keine sicheren, bewiesenen Aussagen geben könne. Sie war in der Antike unter Ärzten beliebt und wurde sehr ausführlich beschrieben von dem Arzt Sextus Empiricus. In Jungius’ Bibliothek fand sich bei seinem Tod noch ein Exemplar von Sextus Adversus mathematicos (Meinel 1992, 182 #1004).

10. (jul.)/20. Februar 1624: Hochzeit mit Katharina Havemann

1624 heiratete Jungius Katharina Havemann, eine Rostocker Bürgerstochter (Vogelius 1658, 13). Bereits Anfang Dezember 1623 schrieb er – kurz nach der Verlobung – an Simon Paulli, einen Verwandten der Braut, um ihm Hilfe im akademischen Bereich anzubieten. Die Paulis waren eine bedeutende Medizinerfamilie, und oft genug konnten familiäre Bindungen in Rostock Zugang zu Lehrstühlen verschaffen. Ganz allgemein bildeten die Gelehrten- und Ratsfamilien, zu denen neben den ratsfähigen Familien auch Pastoren, Professoren und Ärzte zählten, eine eigene, weitgehend abgeschlossene soziale Gruppe in vielen größeren Städten. Zugang verschaffte den Zugezogenen der akademische Grad, zusammengehalten wurde sie von der lateinischen Sprache und oft genug durch Eheschließungen. Persönliche Bindungen entstanden dabei auch durch rhetorisch oft sehr ausgefeilte Briefwechsel (Asche 2000, 469–471).

Paulli antwortete am 7. (jul.)/17. Januar aus Leiden und schickte ein mathematisches Werk als Geschenk an Jungius: den Typhon Batavus von Willebrord Snell. Simon Paulli profitierte wahrscheinlich von diesem Kontakt mehr als Jungius, aber er hätte ohnehin Karriere gemacht. An der Philosophischen Fakultät gab es damals sogenannte „Nominalprofessuren“, die eine Anwartschaft („Exspektanz“) auf einen der „Höheren“ Lehrstühle (in Medizin, Theologie oder Rechtswissenschaften) mit sich brachten und deren Inhaber deshalb oft über ihre eigentlichen Lehrverpflichtungen hinaus bereits zu diesen Themen Unterricht abhielten. Für Professorensöhne war es nicht unüblich, die Lehrstühle ihres Vaters zu erben und bis zu dessen Ruhestand die Nominalprofessur zu bekleiden. Simon Paulli wurde später Medizinprofessor in Rostock und dann Leibarzt des dänischen Königs, ein ebenfalls nicht ungewöhnlicher Schritt für Rostocker Mediziner (Asche 2000, 476–477; 109).

Wenn Jungius beabsichtigt hatte, in Rostock Professor der Medizin zu werden, vielleicht gar den Lehrstuhl zu erlangen, der mit dem Unterricht der Höheren Mathematik verbunden war, so hatte er eigentlich alles richtig gemacht: Er war als Mathematiker bekannt und hatte einen medizinischen Abschluss, seinen Doktorgrad hatte er im Ausland erhalten, sogar im wohl anerkannten Padua, europäisches Zentrum besonders der Anatomie, er interessierte sich intensiv für Botanik und Mineralogie und bekannte sich offen zu den Leistungen Galens, außerdem heiratete er in die einschlägig bekannte Gruppe ein, sogar in die Medizinerfamilie Pauli und befreundete sich eng mit Johann Quistorp (1584–1648), einem etwa gleichalten Mitglied einer anderen bedeutenden Gelehrtenfamilie. Im frühen 17. Jahrhundert waren neben den sozialen die akademischen Voraussetzungen einer Medizinerkarriere eben gerade diese: Gute Kenntnisse der Anatomie und der Pflanzenheilkunde sowie der Leistungen Galens (Asche 2000, 58).

1624–1625 Professor für Niedere Mathematik in Rostock

1625–1626 Professor der Medizin in Helmstedt

1626–1628 erneut Professor für Niedere Mathematik in Rostock

Pass für Jungius, ausgestellt von Herzog Friedrich Ulrich von
Braunschweig-Lüneburg aus dem Jahr 1625
Pass für Jungius, ausgestellt von Herzog
Friedrich Ulrich von Braunschweig-Lüneburg
aus dem Jahr 1625
Jungius war bereits am 24. Juli (jul.)/3. August 1623 auf den Lehrstuhl für Niedere Mathematik in der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock berufen und hatte den Ruf am 25. Oktober (jul.)/4. November angenommen. Am 6. (jul.)/16. Februar 1624 trat er diese Stelle an. Jungius zögerte also verhältnismäßig lange, sich endgültig in Rostock niederzulassen, aber mit der Stelle und der Hochzeit sah es im Februar 1624 so aus als hätte er seinen Zugang zu einer Lebensstellung gefunden. Zuvor hatte ihm in einem Brief vom 22. Juli (jul.)/1. August 1623 sein Freund Johann Garmers (1586–1638) bereits davon abgeraten, sich als Arzt in Hamburg niederzulassen oder sich um eine Stellung am Akademischen Gymnasium zu bemühen.

Im Herbst 1624 jedoch brach in Rostock die Pest aus und Jungius floh davor wahrscheinlich im Oktober nach Lübeck. Etwa zur gleichen Zeit schlug Johann Adolf Tassius vor, dass beide nach Helmstedt wechselten, wo Jungius die Medizinprofessur in Aussicht gestellt sei. Quistorp, der die Briefe von Tassius in Rostock entgegennahm, sandte sie Jungius nach Lübeck nach, nicht ohne ihm zu empfehlen das Angebot abzulehnen.

Bereits Ende November 1624 teilte Jungius brieflich mit, er werde eine solche Berufung in Helmstedt nun annehmen und kehrte kurz darauf nach Rostock zurück, um seinen Umzug zu regeln. Der Rostocker Rat versuchte ihn zu halten und verzögerte seine Entlassung. Diese Geschäfte zogen sich fast über das ganze Jahr 1625 hin bis Jungius im Oktober erneut vor der Pest fliehen musste, diesmal aus Helmstedt. Jungius hielt sich einige Zeit in Braunschweig und dann in Wolfenbüttel auf, während seine Frau in Braunschweig blieb. Anfang des Jahres 1626 erbot sich Quistorp, Jungius’ Rückberufung auf die unbesetzte Mathematikprofessur in Rostock zu erreichen, doch dieser Ruf erging erst im September.

In Rostock gehörte es auch zu Jungius’ Aufgaben, die Stadt gegen die drohende Kriegsgefahr zu schützen. Es sind uns Baupläne und Kostenvoranschläge für eine neue Befestigungsanlage überliefert (Wohlwill 1888, 54–55). Zwischen April und Juli 1628 reiste Jungius auf der Flucht vor Wallensteins Truppen nach Lübeck ab, spätestens im Oktober wurde ihm das „Doppelrektorat“ in Hamburg angeboten.



Diese Biografie ist noch unvollständig.
Sie wird demnächst um die verbleibenden Lebensjahre der Hamburger Zeit 1629-1657 erweitert.

Lebenslauf von Jungius mit weiteren Informationen aus der Literatur