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Johann Adolf Hasse

Zur Biographie Johann Adolf Hasses von Roland Dieter Schmidt-Hensel
  • Ausbildung und erste Erfolge: 1699-1730

    • Johann Adolf Hasse wurde am 23. oder 24. März 1699 in Bergedorf bei Hamburg als Sohn des dortigen Organisten Peter Hasse geboren (sicher belegt ist lediglich der 25. März als Taufdatum). Ersten musikalischen Unterricht dürfte er bei seinem Vater genossen haben. Im ersten Halbjahr 1714 wandte er sich nach Hamburg, wo er möglicherweise Schüler Johann Matthesons wurde, daneben aber schon bald als Tenorist auf der Bühne der Gänsemarktoper auftrat.

      Von 1719 bis 1721 stand Hasse in Diensten des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel; obwohl auch hier primär als Tenorist engagiert, betätigte er sich auch kompositorisch und brachte im August 1721 seine erste Oper Antioco zur Aufführung. Kurz danach ging Hasse zu Studienzwecken nach Italien; spätestens im Sommer 1724 ließ er sich dauerhaft in Neapel nieder, wo er zunächst bei Nicola Porpora und dann bei Alessandro Scarlatti Unterricht nahm. Im September 1725 komponierte Hasse für eine Privataufführung eines neapolitanischen Adligen die 'Serenata' Marc'Antonio e Cleopatra. Im Mai 1726 erklang mit Il Sesostrate erstmals eine dreiaktige 'Opera seria' Hasses im neapolitanischen Teatro San Bartolomeo, der weitere Werke für dieses und andere neapolitanische Theater folgten.

      Ende 1729 scheint Hasse von Neapel nach Venedig übergesiedelt zu sein (ältere Berichte, wonach er bereits 1727 oder 1728 in die Lagunenstadt kam, sind einstweilen nicht zu verifizieren und könnten allenfalls vorübergehende Aufenthalte betreffen). Im Februar 1730 erlebte Hasses erste für Venedig geschriebene Oper Artaserse am Teatro San Giovanni Grisostomo, dem renommiertesten Opernhaus der Stadt, ihre Premiere; das Werk hatte offenbar großen Erfolg und wurde noch im selben Jahr in verschiedenen norditalienischen Städten nachgespielt. Binnen kurzem wurde Hasse so zum neuen Star der norditalienischen Opernszene, der von verschiedenen Opernhäusern neue Kompositionsaufträge erhielt. Zu seiner Popularität trug sicherlich auch bei, daß Hasse im Juli 1730 die berühmte venezianische Sängerin Faustina Bordoni ehelichte, die damals im Zenit ihrer Laufbahn stand und in den folgenden Jahren in zahlreichen Opern Hasses die weiblichen Hauptrollen übernahm.

  • Kurfürstlich sächsischer Hofkapellmeister: 1730/34-1763/64

    • Hasses Ruhm blieb nicht auf Italien beschränkt. Erste Kontakte zwischen Hasse und dem sächsisch-polnischen Hof Augusts des Starken in Dresden sind bereits für Anfang 1730 nachzuweisen - was nicht ausschließt, daß sie sogar noch weiter zurückreichen - und führten schon bald zu einer Übereinkunft, derzufolge Hasse im Sommer desselben Jahres als Hofkapellmeister nach Dresden wechseln sollte. Die Hochzeit mit Faustina, deren Schwangerschaft sowie Engagements beider Eheleute in Italien machten diese Planung jedoch zunichte.

      Zunächst kam lediglich ein Gastspiel der beiden Hasses in Dresden von Juli bis Oktober 1731 zustande, dessen Höhepunkt die Erstaufführung von Hasses Oper Cleofide (mit Faustina in der Titelrolle) darstellte. Erst nach dem Tode August des Starken sowie dem Regierungsantritt seines Sohnes August III. (als polnischer König; als sächsischer Kurfürst Friedrich August II.) wurden Hasse und Faustina Ende 1733/Anfang 1734 fest nach Dresden verpflichtet; allerdings erhielten sie - neben einem "fürstlichen" Gehalt - großzügige Urlaubsregelungen zugebilligt, die es ihnen erlaubten, immer dann nach Italien zu reisen, wenn der Kurfürst für längere Zeit von Dresden abwesend war und in Warschau residierte.

      In den folgenden Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Siebenjährigen Krieges finden wir Hasse und Faustina daher bald in Dresden, bald in Italien. Am Dresdener Hof erklangen bis 1756 pro Jahr durchschnittlich ein bis zwei neue oder überarbeitete Opern des Hofkapellmeisters (ausgenommen die Jahre, in denen der Hof und somit auch Hasse ganz oder längere Zeit nicht in Dresden anwesend waren), darunter La clemenza di Tito (überarbeitete Fassung, 1738), Didone abbandonata (1742), Attilio Regolo (1750) und der mit großem Pomp inszenierte Ezio (zweite Vertonung, 1755). Außerdem entstanden zwischen 1734 und 1750 insgesamt acht italienische Oratorien sowie einige Messen und weitere liturgische Werke. Während der Italien-Aufenthalte in Italien schreib Hasse auch weiterhin für die wichtigsten italienischen Opernhäuser neue Opern; außerdem stand er während der 1730er und 1740er Jahre zeitweise in engem Kontakt zum venezianischen Ospedale degli Incurabili, für das er damals unter anderem zahlreiche geistliche Solomotetten sowie das berühmte Miserere in c-moll für vier Frauenstimmen und Orchester komponierte.

      Der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges im August 1756 bereitete dem blühenden Dresdener Musikleben ein jähes Ende. Dresden wurde schon nach wenigen Wochen von den vorrückenden preußischen Truppen unter Friedrich II. besetzt, der Hof floh nach Warschau (wo er bis Anfang 1763 bleiben sollte), und Hasse und Faustina verließen Dresden im Dezember des Jahres in Richtung Venedig, nachdem der Preußenkönig sie noch einige Zeit für seine täglichen Kammermusiken herangezogen hatte. Das folgende Jahr verbrachten die Hasses vorwiegend in Venedig, wo Hasse im Winter 1757/58 nochmals eine neue Oper Nitteti herausbrachte. Im Winter 1758/59 und 1759/60 hielt sich der Komponist auf persönlichen Wunsch der neapolitanischen Königin Maria Amalia, einer sächsischen Prinzessin, in Neapel auf und komponierte je zwei neue Opern für das dortige Teatro San Carlo. Im Frühjahr 1760 schließlich siedelte Hasse nach Wien über, wo er im Auftrag des Kaiserhofs und in enger Kooperation mit dem kaiserlichen Hofpoeten Pietro Metastasio die Opern Alcide al bicio (1760) und Il trionfo di Clelia (1762) für dynastische Anlässe des Kaiserhofes schuf, daneben zeitweise auch zwei Erzherzoginnen unterrichtete.

      Nach Dresden scheint Hasse während des Siebenjährigen Krieges nicht mehr zurückgekehrt zu sein; seine dortige Wohnung war im Sommer 1760 bei einem Beschuß der Stadt durch preußische Truppen in Flammen aufgegangen, wobei möglicherweise auch ein Teil der eigenhändigen Partituren seiner Werke vernichtet wurde. Wann und wie oft Hasse während des Krieges nach Warschau, dem Sitz des Hofes während dieser Jahre, reiste, ist nicht ganz sicher festzustellen. Möglicherweise hielt er sich schon im Oktober 1761 anläßlich der Erstaufführung seiner eigens für Warschau geschriebenen Oper Zenobia für kurze Zeit daselbst auf, doch ist auch nicht auszuschließen, daß er die fertige Partitur des Werkes aus Wien nach Warschau geschickt hatte. Sicher belegt ist hingegen ein längerer Warschau-Aufenthalt Hasses vom Sommer 1762 bis Frühjahr 1763. Zur Aufführung der für den Karneval 1763 vorgesehenen Oper Siroe (zweite Vertonung), die Hasse dort komponierte, kam es dann allerdings erst im August des Jahres in Dresden, wohin der Hof im April 1763 nach Abschluß des Hubertusburger Friedens zurückkehrte.

      Als am 5. Oktober 1763 der polnische König und sächsische Kurfürst August III. (alias Friedrich August II.) in Dresden starb, bedeutete dies auch das Ende der Ära Hasse in Dresden. Der Nachfolger, Friedrich Christian, entließ Hasse und Faustina (die seit 1751 nicht mehr auf der Bühne auftrat, aber weiterhin ihr Gehalt bezog) offenbar schon am übernächsten Tage ohne Pension. Allerdings blieb Hasse zunächst noch in Dresden, um die musikalische Ausgestaltung der Trauerfeierlichkeiten zu leiten; hierfür entstand das Requiem in C-Dur. Durch den Tod des neuen Kurfürsten schon am 17. Dezember verzögerte sich die Abreise aus Dresden nochmals; möglicherweise komponierte Hasse für dessen Trauerfeier ein weiteres Requiem in Es-Dur. Im Februar 1764 verließ Hasse dann endgültig die sächsische Metropole in Richtung Wien.

  • 'Elder statesman' der italienischen Oper: 1764-1783

    • Nach der Entlassung aus Dresdener Diensten im Oktober 1763 und der endgültigen Abreise aus Dresden im Februar 1764 kehrte Hasse wieder nach Wien zurück, wo er und seine Familie seit 1760/61 ihren Wohnsitz hatten (ob Faustina 1763 überhaupt nach Dresden gereist oder ganz in Wien geblieben war, ist unsicher). Hier entstanden zwischen 1764 und 1771 die letzten Opern Hasses; wie schon 1760 und 1762 handelte es sich fast durchweg um Festopern für den Habsburgerhof, deren Textbücher aus Metastasios Feder stammten. Indes zeigte spätestens der Mißerfolg von Il Ruggiero, ovvero L'eroica gratitudine (Mailand 1771), daß sich der Seria-Stil Hasses wie Metastasios überlebt hatte und beide Meister in gewisser Weise Relikte einer vergangenen Zeit waren.

      Dies gilt freilich nur für Hasse als Komponisten von Seria-Opern. Tatsächlich gab Hasse nach Ruggiero diese Gattung, die fast fünfzig Jahre lang den Schwerpunkt seines Schaffens bildete, gänzlich auf. Auf anderen Gebieten blieb er aber weiter tätig; viele ab Ende der 1760er Jahre entstandenen Werke weisen einen ausgeprägten Spätstil auf, der Hasse durchaus auf der stilistischen Höhe seiner Zeit zeigt. Zu nennen sind hier für die Wiener Jahre insbesondere das (gattungsgeschichtlich singuläre) 'Intermezzo tragico' Piramo e Tisbe (1768/69) und die erheblich überarbeiteten Fassungen zweier Dresdener Oratorien (1772 und 1774), die für Aufführungen der Wiener Tonkünstlersozietät entstanden.

      Hasse war damals eine anerkannte Größe im musikalischen und gesellschaftlichen Leben Wiens; er erteilte zumindest zeitweise Unterricht, erhielt Werke zur Durchsicht und Beurteilung, wurde um Empfehlungen angegangen und empfing Besuche durchreisender Musiker und Musikfreunde. So stellte sich Leopold Mozart mit seinen beiden Kindern während seines Wien-Besuchs im Jahr 1768 selbstverständlich auch bei Hasse vor, und Hasse schrieb im Herbst 1769 mehrere Empfehlungsschreiben, die Vater und Sohn Mozart bei ihrer bevorstehenden ersten Italien-Reise die Türen öffnen sollten. Daneben ist unter den zahlreichen Besuchern der englische Musikgelehrte Charles Burney hervorzuheben, der bei seiner großen Reise durch Europa im September 1772 durch Wien kam und dem wir eine sehr lebendige Schilderung seiner Begegnungen mit Hasse verdanken. Allerdings litt Hasse in jenen Jahren häufig an der Gicht, die ihm schon in früherer Zeit zu schaffen gemacht hatte, sich mit zunehmendem Alter aber mehr und mehr verstärkte.

      Im April 1773 siedelten Hasse und Faustina mit den beiden erwachsenen, aber noch im Haushalt lebenden Töchtern in Faustinas Heimatstadt Venedig über. Sicher dieser letzten Lebensphase zuzurechnen sind einige weltliche Kantaten (1775/76) sowie drei für den Dresdener Hof komponierten Messen (1779, 1780 und 1783). Am 4. November 1781 starb Faustina Bordoni-Hasse; am 16. Dezember 1783 folgte ihr Johann Adolf Hasse nach. Beide wurden in der Kirche San Marcuola in Venedig bestattet.