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Philipp Otto Runge – Abschrift aus Tiecks „Minneliedern“ (1803)

Staats- und Universitätsbibliothek: Nachlass Philipp Otto Runge (Signatur: NPOR : 237-248)

Anlässlich des 200. Todestages des Malers Philipp Otto Runge (1777-1810) wurde 2010/11 in der Hamburger Kunsthalle und in der Hypo-Kulturstiftung in München die Ausstellung Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik gezeigt.

Philipp Otto Runge – Abschrift aus Tiecks „Minneliedern“ (1803)

Im Rahmen dieser großen Retrospektive war aus dem in der Staatsbibliothek Hamburg aufbewahrten Runge-Teilnachlass auch eine lange Zeit verschollen geglaubte Federzeichnung zu den so genannten Tieck-Vignetten zu sehen, die einzige erhaltene Zeichnung zu einem der fünf Kupferstiche, die Runge für den von Ludwig Tieck herausgegeben Band Minnelieder aus dem Schwäbischen Zeitalter (Berlin 1803) anfertigte.

Der mit Runge befreundete Tieck stellte den Band auf der Grundlage der von Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger herausgegebenen Auswahl-Edition aus dem Codex Manesse, der Großen Heidelberger Liederhandschrift zusammen (Proben der alten schwäbischen Poesie des dreyzehnten Jahrhunderts. Aus der Manessischen Sammlung. Zürich 1748) und modernisierte und veränderte die Lieder auch textlich. Über die Entstehung des Tieckschen Bandes schreibt Runge an seinen Bruder Daniel am 23. März 1803: „Tieck hat die Minnelieder bearbeitet; es ist schon zum Abdruck fertig und sie sind ganz göttlich. Ich werde ihm einige Vignetten dazu zeichnen. Zwölf von den Liedern habe ich mir für Pauline in einer Folge, wie sie mir auf unsern beiderseitigen Zustand zu passen scheinen, abgeschrieben, und werde sie dir auch senden.“ Die genannte Abschrift für Runges Braut Pauline befindet sich seit dem Kauf des Runge-Teilnachlasses im Jahr 1926 neben über 100 Briefen Runges in der Staatsbibliothek.

In einem undatierten, vermutlich im März 1803 geschriebenen Brief an seine Braut sagt Runge über diese Abschrift: „Mad. Tieck (…) hat mir diese Lieder für Sie aus einer Samlung alter lieder die Tieck herausgiebt abschreiben und aussuchen lassen. ich weiß, daß Sie mich verstehen werden, warum ich sie so habe auf einander folgen lassen, wenn ich an Sie denke, so ist mir wol so: ich möchte Ihnen noch Tausend mahl mehr sagen als was in den liedern ist, wenn ich aber mit Ihnen spreche oder an Sie schreibe, so schäme ich mich, Ihnen das so ins Gesicht zu sagen, wie Sie mit der Wurzel und der grundlosen Tiefe meines Gemüths zusammen nur eins sind, das weiß ich so gewiß wie meine eigne Existenz, Sie sind doch meine liebste und liebe Pauline und wens äußerlich nie zur Sprache gekommen wäre, so wüste ich doch, was Sie denken, und das es einst an den Tag gekommen wäre, und das es mir ist als ob Sie ewig lange so vor mir gewesen, immer nur mit mir gelebt hätten das ist die Uralte bekantschaft unsers Gemüths, das so alt ist wie die Welt.“ Gerade das Ende dieser zitierten Passage lässt vielleicht die Wahl der Motivik verstehen, die Runges Federzeichnung auf der ersten Seite der Abschrift zeigt: die sich in den Schwanz beißende Schlange als Symbol der Ewigkeit und die beiden Kinder, die sich in ihr wie in einem Spiegel erkennen und sich mit den Fingerspitzen an der sie erleuchtenden Kerzenflamme berühren. Über diesen intimen Kontext hinaus können die Tieck-Vignetten „allenfalls schon als Vorahnung oder Prolog für das Publicum zu den großen Radirungen gelten“, wie Runge an seinen Bruder Daniel am 6. April 1803 schreibt. Mit den „großen Radirungen“ meint Runge seinen allegorischen Zyklus Die Zeiten, der zur selben Zeit im Entstehen begriffen war.

Mark Emanuel Amtstätter

 

Literatur:

  • Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik. Hrsg. von Markus Bertsch (u.a.). [Katalog zur Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle vom 3.12.2010-13.3.2011 und in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, vom 13.5.2011-4.9.2011]. München 2010, S. 296-299.
  • Jörg Traeger, Philipp Otto Runge und sein Werk. Monographie und kritischer Katalog. München 1975, S. 340-343.
  • Karl Friedrich Degner (Hrsg.), Philipp Otto Runge. Briefe in der Urfassung. Berlin 1940, S. 107-115.